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Erinnern heißt kämpfen – Gedenken an den Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge

Am 25.03.1994 verübten vier Neonazis einen Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge. Die Täter warfen einen Molotovcocktail auf das Gebäude. Sie holten so nach, was die Faschisten in der Pogromnacht 1938 ausließen: Die Synagoge wurde damals zwar geschändet, aber nicht angezündet.

Wir erinnerten am Mittwoch, den 25.03.2020 an diese Gewalttat auf die Synagoge – St.-Annen-Straße 13 – und legten Blumen nieder. Unserem Aufruf folgten mehrere Menschen, unter anderem die Antifaschistische Koordination Lübeck.

Nazis töten…

26 Jahre später ist neonazistische Gewalt immer noch eine ständig präsente tödliche Bedrohung. Am Abend des 19. Februar erschießt im hessischen Hanau ein Neonazi neun Menschen aus rassistischen Motiven und tötet dann seine Mutter und sich selber. Am 9. Oktober 2019 versucht ein Neonazi mit selbst gebauten Waffen ein Massaker in der Synagoge in Halle anzurichten und tötet zwei zufällige Opfer.

Am 2. Juni 2019 wird der CDU-Regierungspräsident Walter Lübcke in Kassel auf seiner Terasse mit einem Kopfschuss ermordet. Im Juli 2019 verletzt ein Täter im hessischen Wächtersbach einen eritreischen Mann mit Schüssen lebensgefährlich. Von 2000 bis 2007 zieht die mordende Neonazibande des NSU durch Deutschland. Sie kann, weitestgehend unter den Augen des Verfassungsschutzes, neun Migranten und eine Polizistin ermorden und 43 Mordversuche verüben. Angela Merkels versprechen gegenüber den Angehörigen, alles Mögliche zu tun um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken, wurde zum Hohn. Der NSU Komlex ist bis heute nicht aufgeklärt.

Der Schriftsteller Bodo Morshäuser schrieb Anfang der 1990er Jahre anlässlich der damaligen Pogrome von Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen: »Wenn der Schlips vor Scheinwerfern ›Ausländerbegrenzung‹ fordert, löst der Stiefel sie in der Dunkelheit ein. Dass aus Wörtern Taten geworden sind, will der Schlips danach nicht mit sich selbst in Zusammenhang gebracht wissen.«

Das Zitat zeigt die Notwendigkeit als Antifaschist_innen nicht nur diejenigen ins Visier nehmen, die ihre Menschenverachtende Ideologie in die Tat umsetzen und sich somit als Vollstrecker eines vermeintlichen „Volkswillen“ sehen. Es muss, damals wie heute, auch darum gehen, die geistigen Brandstifter zu bekämpfen. Diese sind zum Beispiel die Hetzer der AfD – Eine Partei dessen Spitzenkanditat Gauland zur Jagd auf politische Gegner_innen aufruft und öffentlich fordert, dass man wieder stolz auf die Wehrmacht sein solle. Eine Partei, deren Landesverband in Thüringen vom mutmaßlichen Lübcke-Mörder 2016 mit einer Wahlkampfspende unterstützt wurde. Eine Partei dessen Kontakte mit dem Thüringer Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke durch die Freundschaft mit Thorsten Heise (NPD/freie Kameradschaften) bis ins militante Neonazistische Spektrum reichen. Aber auch die CSU/CDU, um Menschen wie Horst Seehofer, der sich gegen Migration „bis zur letzten Patrone“ wehren will, sind Teil der spalterischen Hetze.

Vergessen wir nicht!

Es ist an uns Schulter an Schulter diesem Hass unsere Solidarität entgegenzusetzen. Lasst uns gemeinsam Betroffene von Rassismus und Antisemitismus unterstützen. Es ist unsere Aufgabe als Antifaschist_innen heute die nächsten antisemitischen Morde und Gewalttaten zu verhindern. Denn sonst tut es niemand: Der Staat lässt sie gewähren oder befeuert sogar noch das mörderische Treiben. Und es ist unsere Aufgabe zu Mahnen, wohin das Gift der rassistischen und antisemitischen Spaltung bereits geführt hat.

Esther Bejerano, jüdische Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau, sagte 2018 anlässlich Gedenkens an den Brandschlag 1996 in der Hafenstraße 1996: „Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als dass die Erfahrung meiner Generation in Vergessenheit gerät. Dann wären alle Opfer des Faschismus und des Krieges, alles, was wir erlitten haben, umsonst gewesen. Ich wünsche mir, dass ihr, weil es ja so bitter nötig ist, auch in Zukunft Widerstand leistet, wie damals die Widerstandskämpfer für ein Leben in Frieden und Freiheit für alle Menschen auf dieser Welt eintraten.“

In diesem Sinne: Vergessen wir nicht! Erinnern wir an den Brandanschlag auf die Synagoge 1994! Gegen Rassismus und Antisemitismus. Nie wieder Faschismus!

Angesichts der anhaltenden Corona-Epedemie ist es nicht sinnvoll als Menschengruppe zusammen zu kommen und so zu gedenken. Die Reaktion der revolutionären Linken darf aber keinesfalls sein politische Aktionen ausfallen zu lassen. Deshalb haben wir nacheinander gedacht: Alleine und doch gemeinsam!

Hafenstraße ’96: Gedenken & Anklagen

Aufruf zur Demonstration

Am 18. Januar 2020 jährt sich zum 24. mal der Brandanschlag auf die Geflüchtetenunterkunft in der Hafenstraße in Lübeck. 24 Jahre ist es her, dass 10 Menschen sterben mussten, davon 7 Kinder, und dass weitere 34 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Neonazis zündeten nachts das Haus an, in dem die Menschen lebten und setzten so ihr rassistisches Weltbild in die Tat um. Verurteilt wurden die Täter nicht, obwohl sie teilweise sogar Geständnisse ablegten und die Indizienlage sie eindeutig belastete.

Ein wirklicher Aufklärungswillen der staatlichen Organe war nicht zu erkennen: Nach den rassistischen Anschlägen in Rostock-Lichtenhagen und Mölln passte ein weiterer Anschlag nicht in das Bild der erfolgreichen Deutschen Wiedervereinigung. So wurde statt gegen die verdächtigen Neonazis gegen einen Bewohner des Hauses ermittelt. Der Geflüchtete, selbst Opfer des Brandanschlags, wurde zum Täter gemacht. Wir begreifen all diese Geschehnisse als Teil unserer Geschichte. Eine Geschichte der Betroffenheit, des Nicht-Glaubenkönnens und des Widersprechens. Eine Geschichte des Gedenkens und des Anklagens.

Und wir begreifen den Anschlag, die rassistischen Verhältnisse und alles, was daraufhin geschah, als einen politischen Prozess, dem wir uns als Antifaschisten*innen angenommen haben. Und so rufen wir dieses Jahr wieder dazu auf, am 18. Januar mit Betroffenen von rechter Gewalt, Angehörigen der Opfer und allen solidarischen Menschen auf die Straße zu gehen. In Gedenken an die Opfer aus der Hafenstraße wollen wir unsere Wut und Trauer auf die Straße tragen. Es ist unsere Stadt, in der Neonazis gemordet haben. Es ist unsere Geschichte, die wir schreiben.

Gegen den Faschismus und seine Verharmlosung! In Lübeck gibt es keinen Platz für Rassismus und rechte Hetze! Wir bleiben solidarisch mit allen Geflüchteten und heißen sie willkommen! Wir fordern das bedingungslose Recht auf Asyl, sichere Fluchtwege und menschenwürdige Unterbringung für Geflüchtete! Für die befreite Gesellschaft und ein gutes Leben für alle.

18. Januar 2020 | Demonstration | 13.00 Uhr | Breite Straße Ecke Kohlmarkt, Lübeck

Im Anschluss werden wir am Ort des Brandanschlags den Opfern Gedenken. Alle sind danach ins SchickSaal zum Zusammenkommen und Aufwärmen eingeladen. Die Demonstration findet im Rahmen einer Aktionswoche statt.

Infos zu unserer Veranstaltung am 16.01. kannst du hier finden.

Politischer Donnerstag im Januar

Der Politische Donnerstag: Jeden Donnerstag gibt es im Café Brazil spannende Vorträge, Filme, Diskussions- oder Kneipenabende. Der Politische Donnerstag bietet die Möglichkeit verschiedene politische Gruppen aus Lübeck kennenzulernen.

Hafenstraße’96: Welche Rolle spielt Gedenken heute?

Einladung an alle Betroffenen von rassistischer Gewalt, Angehörige, Freund*innen und solidarische Menschen:

Der Brandanschlag in der Hafenstaße in Lübeck ist jetzt 24 Jahre her. Die Täter wurden nie angeklagt. Es gibt viele offene Fragen und einige sind bis heute nicht gestellt. Nur einige Probleme bleiben scheinbar immer gleich: Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus. Zu erinnern und zu gedenken unterbricht das Schweigen und macht dadurch gewalttätige Strukturen sichtbar. Strukturen von damals – Strukturen von heute. Gedenken ist nichts Abstraktes. Es geht um die Menschen, die fehlen. Es geht darum, sie sichtbar zu machen. Darin sind wir auf die Angehörigen und Überlebenden angewiesen.

Deshalb wünschen wir uns, dass die Vorstellungen der Angehörigen, der Überlebenden und Freunde der Ermordeten Maßstab für Gedenken sind. Einigen von euch ist es möglich, vom Geschehenen zu erzählen. Eure Stimmen sind wichtig. Wir wollen sie hören.

Wir wollen hören, was euch bewegt. In dem ihr eure Geschichten erzählt, unterbrecht ihr dieses Schweigen. Solidarität in diesen Zeiten bedeutet für uns, den Betroffenen zu begegnen, mit offenen Ohren und weitem Herzen. Wir möchten aus der Vereinzelung zusammen bringen, vernetzen und uns alle herausfordern. Es gibt noch viel zu tun. Niemand wird vergessen. Kein Schlussstrich.

16.01.20 | 19:00 | SchickSaal | Clemensstraße 7